Wenn es auch durch dunkle Täler geht
China

Wenn es auch durch dunkle Täler geht

Wie Gott führt und trotz Gefängnis und Migration aus der Heimat durch eine Familie wirken kann: die bewegende Geschichte von Cheng Jie und John.

Jedes Jahr erhielt Cheng Jie von der Lokalpolizei eine Vorladung. Regelmäßig wurde sie im Rahmen der Vernehmung aufgefordert, nicht mehr über ihren Glauben zu sprechen. Cheng Jie arbeitete in einem Privatkindergarten in Liuzhou, einer Millionenmetropole im Südwesten Chinas. Liuzhou ist Partnerstadt von Passau und liegt am Fluss Liu, der sich in einem Bogen durch die Großstadt im Südwesten Chinas windet.

In der kommunistischen Volksrepublik China ist die „religiöse Erziehung“ Minderjähriger gesetzlich verboten. Und deshalb musste Cheng Jie jedes Jahr zur polizeilichen Vorladung. Cheng Jie ließ die Vernehmungen jedes Mal respektvoll über sich ergehen. Aber niemals leistete sie der Aufforderung Folge, nicht mehr über ihren Glauben zu sprechen.

Auch John, Cheng Jies Ehemann, ist Christ. Er arbeitet seit über 15 Jahren als Evangelist und Pastor unter Universitätsstudenten. Für diese Berufung hatte er einst eine verheißungsvolle Karriere als Mediziner aufgegeben.

 

Zwei Jahre saß Cheng Jie im Gefängnis, weil sie über Jesus Christus sprach.

Damit hatten sie nicht gerechnet

Das Leben war für Cheng Jie und John nicht einfach. Immer wieder mussten sie umziehen, und zwar immer dann, wenn ihre Vermieter herausfanden, dass in ihrer Wohnung Hauskirchentreffen stattfanden. Dem Ehepaar war klar, dass ihr Dienst John eines Tages ins Gefängnis führen könnte. John war innerlich darauf vorbereitet. Aber es kam anders …

Am 18. Februar 2014 wurde Cheng Jie erneut von der Polizei vorgeladen. Diesmal blieb es nicht bei der Aufforderung, nicht mehr über ihren Glauben zu sprechen. Cheng Jie wurde verhaftet. Damit hatte sie nicht gerechnet. Panik stieg in Cheng Jie auf. Wer sollte ihre Kinder vom Kindergarten abholen und sich um sie kümmern? John war unterwegs zu einer Hauskirche in einer anderen Stadt. „Soll sich doch jemand von der Kirche um Ihre Kinder kümmern“, sagte einer der Polizisten angesichts ihrer Sorgen zynisch.

Man warf Cheng Jie illegale geschäftliche Aktivitäten im Zusammenhang mit ihrer Arbeit in dem Privatkindergarten vor. Sie wurde für schuldig befunden und zu zwei Jahren Haft verurteilt. John und Cheng Jie sind sich sicher, dass diese Verurteilung die Reaktion auf ihr Hauskirchenengagement war. John agierte in seinem Dienst unter den Studenten selbstständig. Daher war es einfacher gewesen, gegen seine Frau wegen arbeitsrechtlicher Vergehen vorzugehen. So traf es Cheng Jie.

Plötzlich ein alleinerziehender Vater

Während Cheng Jies zweijähriger Haft kümmerte sich John als nun alleinerziehender Vater um die beiden kleinen Söhne. Cheng Jie litt sehr darunter, so lange nicht bei ihren Kindern sein zu können. Würden die kleinen Kinder sich in zwei Jahren noch an sie erinnern? Obwohl sich Cheng Jie nach ihren Kindern sehnte, konnte sie sich im Gefängnis keine Bilder der Kleinen ansehen. Es hätte sie zu traurig gemacht.

Was von einem der Polizisten bei Cheng Jies Verhaftung nur als zynische Bemerkung gedacht war, wurde durch Gottes Gnade wahr: Geschwister aus der Gemeinde kümmerten sich um John und die Kinder. Sie brachten das Geld für die Rechtsanwaltskosten auf, beteten regelmäßig für John und waren für ihn und die beiden kleinen Jungs da. Trotzdem war John zunehmend angeschlagen. Besonders sonntagmorgens war es schwierig. Als Hausgemeindeleiter sollte er im Gottesdienst predigen. Aber konnte er das? Das Wunder: Gott schenkte ihm Sonntag für Sonntag die Kraft, die er brauchte

„Soll sich doch jemand von der Kirche um Ihre Kinder kümmern!“

Mach, dass Mami nach Hause kann

Doch es kamen auch Fragen. „Warum muss meine Familie das durchmachen, Herr? Wir haben Dich doch lieb! Warum?“ Der ältere der Jungs war drei Jahre alt, als die Mutter verhaftet wurde. Er weinte jede Nacht und betete wieder und wieder: „Lieber Gott, bitte mach, dass Mami nach Hause kann.“

Die Gemeinde traf sich weiter regelmäßig, obwohl die Hauskirche nach der Verhaftung von Cheng Jie scharf beobachtet wurde. Auch Johns Arbeit unter den Studenten konnte fortgesetzt werden. Aber es war alles andere als einfach. „Die zwei Jahre waren sehr hart“, sagte John. „Und dennoch konnte ich Gottes Gunst spüren.“ 

Die ersten Monate im Gefängnis

Während ihres ersten Monats im Gefängnis machte sich Cheng Jie vor allem große Sorgen um die Kinder. Die Tage waren lang, das Essen war schlecht, und es gab zum Waschen nur kaltes Wasser – auch im Winter. Täglich musste Cheng Jie acht Stunden an der Nähmaschine sitzen und Ziernähte an Kleidungsstücken anbringen. Wenn sie ihr Soll nicht erfüllte, musste sie zur Strafe länger arbeiten. Noch heute hat sie von den vielen Stunden an der Nähmaschine chronische Schulterschmerzen. Aber auch abgesehen von der Arbeit war das Leben im Gefängnis nicht einfach. Cheng Jie musste sich die Zelle mit Drogenhändlerinnen und Mörderinnen teilen. „Sie sind doch Christin. Da sollte Ihnen das ja wohl nichts ausmachen“, sagte man ihr, als sie sich nach dem Grund dafür erkundigte.

Eine Bibel hatte Cheng Jie zunächst nicht. Doch nach einem halben Jahr hörte sie von einer Gefangenen, die eine besaß. Da diese Frau keine Christin war, konnte Cheng Jie mit ihr einen Tausch vereinbaren. So erhielt sie ihre Bibel.

„Cheng Jie hatte Gelegenheit, den anderen inhaftierten Frauen von Jesus zu erzählen.“

Wie Gott zu wirken begann

Eine von Cheng Jies Zellenkolleginnen war eine brutale Frau, die wegen Drogenhandels im Gefängnis saß. Cheng Jie hatte Angst vor ihr. Diese Frau musste permanent Fußfesseln tragen. Weil sie deshalb Schwierigkeiten beim Anziehen hatte, half Cheng Jie ihr. So erreichte sie das Herz der Frau. Mit der Zeit wurde sie Cheng Jie gegenüber freundlich. Weil sie nicht schlafen konnte, bat sie Cheng Jie eines Abends, ihr aus der Bibel vorzulesen.

Es dauerte nicht lange, da wollte sie jeden Abend etwas aus der Bibel vorgelesen bekommen. Sie begann auch Fragen zu stellen, ob Cheng Jie ihr das Evangelium erklären konnte. Schließlich öffnete die Frau ihr Herz für Jesus und vertraute ihm ihr Leben an. Nicht lange danach wurde sie in eine andere Zelle gebracht. Cheng Jie hat nie wieder etwas von ihr gehört.

Einige der Mitgefangenen waren beeindruckt, weil John seine Frau nicht nur nicht verlassen und vergessen hatte, sondern sie immer noch liebte. Die Frauen bekamen auch mit, dass John regelmäßig Geld auf Cheng Jies „Gefängniskonto“ einzahlte. Die Partner der mitgefangenen Frauen hatten sie dagegen schon lange verlassen, weil sie im Gefängnis saßen. Cheng Jie hatte Gelegenheit den anderen inhaftierten Frauen von Jesus zu erzählen, der die Mitte ihrer Ehe war und sie und John zusammenhielt.

Post aus aller Welt

Dann durfte John seine Frau mehr als ein Jahr nicht besuchen. Immerhin durfte das Ehepaar sich Briefe schreiben, die allerdings alle zensiert wurden. Die Zensur brauchte manchmal einen ganzen Monat. So musste Cheng Jie lange warten, bis die Briefe ankamen.

Einmal kam dann ein ganzer Berg von Post aus aller Welt. HMK-Partner hatten öffentlich auf Cheng Jies Schicksal aufmerksam gemacht. Viele Christen haben daraufhin an Cheng Jie geschrieben, um sie zu ermutigen und ihr zu sagen, dass sie für sie beten. Die meisten der Briefe waren auf Englisch geschrieben. „Das geht nicht. Wir können die Briefe nicht lesen!“, beschwerten sich die Justizvollzugsbeamten verärgert. „Du verschwendest unsere Zeit. Sag den Leuten, dass sie nicht mehr schreiben sollen!“ Für Cheng Jie waren die Briefe eine große Freude und Ermutigung. Aus diesen Zeichen der Liebe konnte sie neue Kraft schöpfen. Die Gebete der Brüder und Schwestern aus aller Welt trugen sie wirklich.

Endlich frei

Am 17. Februar 2016 kam Cheng Jie endlich aus dem Gefängnis frei. Ihr jüngster Sohn war inzwischen drei Jahre alt. Er erkannte sie nicht und sagte „Tante“ zu ihr. Es brauchte lange, bis er sich daran gewöhnt hatte, dass seine Mutter wieder zu Hause war.

Obwohl Cheng Jie jetzt wieder frei war, blieb es schwierig. John und ihr war klar, dass sie nun stärker überwacht wurden als jemals zuvor. Wie sollte es mit ihnen und ihrem Dienst weitergehen? John und Cheng Jie suchten Gottes Führung. Sie nahmen sich Zeit und beteten über den anstehenden Fragen und Problemen.

Eine schwere Entscheidung

Aber Cheng Jie hatte im Gefängnis gelernt: Gott führt! Er hatte sie und ihre Familie mit seiner Gnade umgeben und durch das dunkle Tal hindurchgeführt. Sie hatte gelernt wie David zu beten: „Auch wenn es durch dunkle Täler geht, bist du, HERR, bei mir.“ Daher war sie gewiss, Gott würde einen Weg für sie haben. Doch die Situation blieb für John und Cheng Jie schwierig.

Da bot sich ihnen die Möglichkeit, nach Amerika auszureisen. Dort würden sie endlich in Sicherheit sein, aber auch vor neuen Herausforderungen stehen …

Die HMK in China

Wir helfen auf vielfältige Weise, können aber aus Sicherheitsgründen keine konkreten Angaben zu unserer Arbeit vor Ort machen. Wir stärken die chinesische Untergrundgemeinde landesweit durch:

  • die Ausbildung und Schulung von Leitern.
  • die Unterstützung landwirtschaftlicher Projekte.
  • die Vorbereitung und Durchführung evangelistischer Projekte.

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