Erschütterndes Leid – unglaubliches Gottvertrauen
Pakistan

Erschütterndes Leid – unglaubliches Gottvertrauen

Für viele unschuldig angeklagte Christen ist die Anwältin Sidra die letzte Hoffnung

Ein HMK-Mitarbeiter ist nach Pakistan gereist, um verschiedene Projektpartner der HMK zu besuchen. In einem Interview berichtet er von seinen Begegnungen und Erlebnissen dort.

Der Fall von Asia Bibi, einer zum Tode verurteilten Christin aus Pakistan, war gerade in aller Munde. Aus den Medien weiß man, dass dieses muslimische Land ein hartes Pflaster ist. Hattest du keine Angst auf deiner Reise?

Ich musste dieses Mal im Land nicht viel herumreisen. In Pakistan unterwegs zu sein ist immer ein bisschen anstrengend, nicht zuletzt weil es auch nicht ungefährlich ist. Aber dieses Mal war ich in nur zwei Städten, wo es vergleichsweise wenig Entführungsfälle gibt, und es werden normalerweise nicht gezielt Ausländer umgebracht. Daher war es diesmal trotz vollen Terminplans sogar fast entspannt!

Aber während deines Aufenthaltes ist ein paar Straßen weiter eine Bombe explodiert?

Richtig.

…was hattest du denn für Termine?

Ich habe in erster Linie Sidra*, eine christliche Anwältin besucht, die sich für unschuldig angeklagte Christen einsetzt. Daneben ist ein weiterer Sinn der Reise, auch neue mögliche Projektpartner kennenzulernen. In diesem Zusammenhang habe ich eine Familie besucht, die unter starken Anfeindungen und Bedrohung in ihrem Viertel eine Gemeinde aufbaut. Ihr Mut und ihr Eifer für Gott haben mich sehr beeindruckt.

Inwiefern kann denn eine Anwältin pakistanischen Christen helfen – wenn man bedenkt, dass sie als Menschen zweiter Klasse gelten? Haben sie überhaupt Rechte? In den Medien wird ja immer wieder davon berichtet, wie Christen beinahe willkürlich der Blasphemie angeklagt und ins Gefängnis gebracht werden.

An sich hat Pakistan ein funktionierendes Rechtssystem. Es gibt Regeln und Gesetze, an die man sich zu halten hat – und auf die man sich auch berufen kann, wenn man beispielsweise zu Unrecht angeklagt wurde. Auch Christen haben laut Verfassung Rechte.

Doch dabei gibt es einige Probleme. Zum Beispiel gibt es ein Gesetz, das die Beleidigung des Propheten Mohammed (Blasphemie, Anm. d. Red.) unter Todesstrafe stellt. Ein bekennender Christ, der von der Liebe Gottes übersprudelt, muss sehr aufpassen, dieses Gesetz nicht versehentlich zu verletzen, denn „Beleidigung“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Hinzu kommt: Verstöße gegen dieses Gesetz lassen sich nur schwer nachweisen und ebenso schwer widerlegen. Das macht es für die Richter schwierig und für Muslime verlockend, Christen wegen anderer Streitigkeiten grundlos der Blasphemie zu beschuldigen. Das geschieht leider sehr häufig. Außerdem gehören Christen in Pakistan zur untersten Gesellschaftsschicht, sie sind häufig arm und können sich keinen Anwalt leisten. Obwohl sie unschuldig sind, haben sie fast keine Chance, einem negativen Urteil zu entgehen.

Wir haben schon seit langer Zeit Kontakt zu Sidra. Sie begleitet unschuldig angeklagte Christen in Gerichtsverfahren und kann sie – Gott sei Dank! – häufig erfolgreich verteidigen. Die HMK übernimmt bei mittellosen Klienten ihre Kosten.

Die kleine Minderheit von etwa 2 Prozent Christen in Pakistan leidet unter massiver Benachteiligung und Verfolgung
Ein HMK-Mitarbeiter hat unsere Glaubensgeschwister in Pakistan besucht

Kannst du ein bisschen mehr über die Christen berichten, denen sie hilft?

Gern. Sie verteidigt jährlich etwa 30 bis 40 Christen, für die sie oft die letzte Hoffnung auf Rettung ist. Einige von ihnen sind extra angereist, um mich kennenzulernen und mir als Vertreter der HMK und allen Spendern zu danken. 

Einer davon ist Amjad*. Er und seine Frau haben sechs Kinder. Er hat mir von seiner 13-jährigen Tochter Rue berichtet. Im Januar wurde sie von skrupellosen Männern einer reichen und einflussreichen Familie entführt. Erst im Februar wurde der Fall registriert, aber auch dann unternahm die Polizei nicht das Geringste. Ende Februar wurde ihm und seiner Frau per Gerichtsbescheid mitgeteilt, dass ihre Tochter sich zum Islam bekehrt hätte und inzwischen geheiratet habe. Als ich dort war, hatten sie Rue schon seit vier Monaten nicht mehr gesehen und nichts von ihr gehört.

Ein anderer Mann erzählte mir von seinem 16-jährigen, geistig behinderten Sohn Faizan*, der schon immer ein begeisterter Cricket-Spieler war. Zuletzt war er Kapitän eines Teams geworden, das viele Pokale und durch Sportwetten auch Geld gewonnen hatte. Damit zog er leider auch den Neid einiger muslimischer Spieler und Fans auf sich.

Als Faizans Handy nicht mehr funktionierte, brachte er es in ein Handyfachgeschäft – das dem Bruder eines Gegenspielers gehört. Dieser veröffentlichte dann mit Faizans Handy in dessen Namen Witze über den Islam. Kurze Zeit später kam ein aufgewühlter Mob ins Dorf, griff wahllos Christen an und brannte ihre Häuser nieder. Faizans Mutter warnte ihn, er solle nicht nach Hause kommen, sondern zu seiner Schwester flüchten. Doch der Pastor des Dorfes sagte zu ihnen: „Wenn ihr Faizan nicht ausliefert, wird noch das ganze Dorf von den wütenden Muslimen angezündet!“ So waren sie gezwungen, Faizan der Polizei auszuliefern. Er ist nun seit zwei Jahren eingesperrt. Alle zwei Wochen dürfen seine Eltern ihn für ein paar Minuten treffen. 

Ein weiterer Mann, Ayaan*, berichtete, was ihm und seiner Familie zugestoßen war: Er arbeitet als Sandlieferant in einem Dorf, ca. 100 Kilometer von der Hauptstadt Lahore entfernt. Eines Tages bekam er einen profitablen Auftrag. Das verärgerte einen muslimischen Nachbarn sehr. Er fand, er hätte es verdient gehabt, diesen Auftrag zu bekommen. Um sich zu rächen, behauptete er, Ayaan hätte den Koran zerrissen. Flankiert von einigen Polizisten kam er zu ihrem Haus. Als Ayaan die Männer kommen sah, rannte er in eine nahegelegene Kirche und versteckte sich. Doch kurze Zeit später erfuhr er Ungeheuerliches: Nachdem er nicht zu finden gewesen war, hatten die Polizisten seine Frau, seine Kinder, Neffen und Nichten – 11 unschuldige Menschen – brutal zusammengeschlagen. Um Schlimmeres zu verhindern, stellte sich Ayaan der Polizei. In Gefangenschaft wurde er brutal gefoltert. Einige Zeit später kam Sidra zu ihm ins Gefängnis und nahm sich seines Falles an. Sie schaffte es, ihn auf Kaution frei zu bekommen und holte ihn ab. Doch in dieser Zeit hatte ein aufgebrachter Mob Ayaans 6-jährige Tochter in den Dorfbrunnen geworfen, wo sie ertrank. Mit Sidras Hilfe, so berichtete er, konnte er mit dem Rest seiner Familie drei Jahre lang in einem Schutzhaus unterkommen. Danach kehrten sie in ihr Dorf zurück, wo er seither in einer Ziegelei arbeitet. Doch das Etikett des „Gotteslästerers“, das ihm zu Unrecht anhaftet, zerstört noch immer weiter ihr Leben. „Meine Kinder können nicht zur Schule gehen“, sagte er. „Als Kinder eines ‚Gotteslästerers‘ würden sie von ihren Mitschülern und Lehrern jeden Tag gemobbt und verprügelt werden.“

Die Geschichten, die man hört, und das Leid, dem die Christen nur wegen ihres Glaubens ausgesetzt sind, sind manchmal kaum zu ertragen. Aber genau aus diesem Grund gibt es die HMK ja. Diesen drei Männern, von denen ich eben erzählt habe, konnten wir als Geschwister im Glauben in ihrer schwierigen Situation beistehen. In ihrem Leben hat sich durch unser Zutun etwas zum Guten verändert.

Sidra erzählte mir: Als sie gehört haben, dass Hilfe aus Deutschland kommt, hat sich ein Strahlen auf ihren Gesichtern ausgebreitet. Die Männer waren so dankbar.

Wie gehst du persönlich damit um, wenn du mit solchen Geschichten konfrontiert bist?

Eine Sache fällt mir im Miteinander mit verfolgten Christen immer wieder auf: Ihre Schicksale sind erschreckend, ihr Leid groß. Manchmal kann man nicht anders als mitweinen. Aber gleichzeitig sind ihr Glaube und ihr Gottvertrauen unglaublich!

Ayaan, dessen 6-jährige Tochter in den Brunnen geworfen wurde, hat zum Beispiel beschlossen, keine Anzeige zu erstatten, sondern die Sache an Gott abzugeben. Er meinte das völlig ernst und vertraut darauf, dass Gott sich als himmlischer Richter der Sache annehmen wird. An dieser Stelle ist mir bewusst geworden: Gott kann Leid, das kein Mensch tragen kann, tragen. Er nimmt uns unsere Last ab. Und mir wurde klar: Wenn er Ayaans Last tragen kann, dann kann er auch meine tragen.

Ebenso hat mich der Glaube einer jungen Pastorenfamilie beeindruckt: Die Familie besteht aus Jawed*, seiner Frau Madiha* und ihren drei kleinen Töchtern. Ganz gezielt sind sie in einen Stadtteil gezogen, der wegen seiner Terroristen gefürchtet ist. Dabei sind sie als Christen in Pakistan ohnehin schon bedrängt! Aber dort wollen sie leben und Gott dienen.

Als die Frau mir erzählte, wie viel Angst sie jedes Mal hat, wenn ihr Mann auf der Arbeit ist; wie draußen die Steine gegen das Haus fliegen und Männer ihr drohen, ihre Mädchen zu entführen und zu vergewaltigen, ist sie in Tränen ausgebrochen. Das tat mir so leid. Am liebsten hätte ich gesagt: „Wollt ihr euch nicht vielleicht mal eine Auszeit nehmen?“ So wie man es bei uns in Deutschland macht – einfach mal in den Urlaub fahren. Aber daran denken sie gar nicht. 

Diese Begegnung war einer meiner Höhepunkte auf der Reise. Es war so beeindruckend und bewegend, wie diese Familie ganz bewusst Gott dienen möchte! Die Christen in Pakistan sind mehrheitlich ganz einfache Leute. Sie leben einen kindlich vertrauenden Glauben, mitten in großen Herausforderungen. Aber sie geben Gott ihre Lasten ab und vergeben ihren Feinden. Darin sind sie mir ein großes Vorbild geworden.


*Name aus Sicherheitsgründen geändert

In Pakistan sind 96,3 Prozent der Einwohner Muslime

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