Sollten wir Christen helfen, der Verfolgung zu entkommen?
Von Nik Ripken

Sollten wir Christen helfen, der Verfolgung zu entkommen?

Nik Ripken und seine Frau / Foto: Privat

Was wäre, wenn wir die Geschichte von Josef in 1. Mose 39 – 41 umschreiben und an unsere vorherrschende „moderne“ Denkweise über Kirche und Mission anpassen würden?

Stellen wir uns einmal vor, wir bekämen einen Rundbrief, in dem es heißt: Unser geliebter Bruder Josef ist in Ägypten festgenommen worden und befindet sich im Gefängnis. Wir wissen, dass er Gott treu geblieben ist. Aufgrund seines Glaubens wurde er nun, zusammen mit den schlimmsten Verbrechern des Landes, in das gefürchtete Zentralgefängnis verlegt.

Wie würden wir als Gemeinde heute darauf reagieren? Was würden wir tun? Normalerweise würden wir wahrscheinlich versuchen, Josef mit allen Mitteln zu retten. Das ist an sich keine schlechte Idee.

  1. Wir würden E-Mails an Josef schreiben,
  2. wir würden so viele Aufrufe wie möglich in den Sozialen Medien starten,
  3. wir würden politisch Verantwortliche kontaktieren und
  4. wir würden versuchen, über Josefs Notlage in Fernsehen und Radio zu berichten.

Unser Ziel wäre es, Josef aus der Haft zu befreien. Dabei wäre aus unserer Sicht fast alles – vielleicht sogar militärische Intervention – gerechtfertigt.

Befreiung hat ihren Preis

Vielleicht würde Josef sogar frei kommen. Wir würden uns darüber freuen und Gott dafür danken. Es wäre für uns auch völlig in Ordnung, dass er nun in einem anderen Land leben müsste. Schließlich wäre er dort in Sicherheit.

Nun stellen Sie sich Folgendes vor: Jahre später werden Ägypten und die umliegenden Länder von einer Hungersnot heimgesucht. Weil er befreit wurde, ist Josef also zu dem Zeitpunkt, als der Pharao seine merkwürdigen Träume hat, nicht im Gefängnis. Er ist nicht da, um die Träume zu deuten, die sich auf sieben Jahre des Überflusses gefolgt von sieben Jahren der Dürre beziehen. Aufgrund von Josefs Abwesenheit ist Ägypten also völlig unvorbereitet.

Die Hungersnot ist so schrecklich, dass Ägypten sie nicht überlebt.

Und weil Ägypten nicht überlebt … überleben die Juden in Ägypten auch nicht.

Ende der Geschichte.

Gott hat einen besseren Plan

Die echte Geschichte endet natürlich anders. Gott weiß, warum er Josef im Gefängnis lässt. Gott hat einen viel umfassenderen Plan. Er weiß genau, was für die Rettung sowohl der Ägypter als auch der Juden notwendig ist.

Aber wissen wir das auch?

Wissen unsere Kirchen, unsere Missionsgesellschaften und unsere christlichen Organisationen, die sich mit dem Thema Verfolgung beschäftigen, auch, wann es an der Zeit ist, Josef in Ägypten zu belassen? Abgesehen von unserer Sympathie für Josef – ist uns eigentlich klar, dass Josef letztendlich Gott gehört, und dass Gott mit ihm tun und lassen kann, was er will?

Buch "Gottes unfassbare Wege" von Nik Ripken

Vorwärts kommen oder der Verfolgung entkommen?

Meine Frau und ich haben viel von verfolgten Geschwistern gelernt. Wir haben uns ihre Geschichten angehört. Wir haben begriffen: Wenn Mitarbeiter aus westlichen Ländern sich persönlich mit verfolgten Geschwistern verbunden fühlen, besteht ihr Hauptanliegen meist darin, sie aus ihrer Lage zu befreien. Fast immer versuchen sie alles, Josef aus dem feindlichen Gebiet herauszubekommen.

Es gibt zwar keine offiziellen Statistiken, aber ich schätze, in ungefähr der Hälfte aller Fälle, in denen sich Mitarbeiter aus dem westlichen Ausland mit verfolgten Christen emotional verbunden fühlen, versuchen sie, diese Christen aus dem Land zu holen und in Sicherheit zu bringen. In der islamischen Welt sind es sogar bis zu 70 Prozent. Versuchen Sie mal eine Gemeinde zu gründen, wenn 70 Prozent aller Christen außer Landes gebracht werden. Selbst in einem an sich sehr gläubigen Umfeld wäre das äußerst schwierig.

Bei Gott gilt: „Sieg in Verfolgung“ – nicht „Befreiung aus Verfolgung“. Aber die Kirche in den westlichen Ländern hat in der Regel ein anderes Ziel. Es fühlt sich gut an, Christen aus der Verfolgung zu retten. Die Spendenbereitschaft ist hoch, wenn es darum geht, eine Familie aus einer Verfolgungssituation zu befreien und sie in ein sicheres Land zu bringen.

Warum ist unsere Sichtweise so anders als die von Gott? Hier ein paar mögliche Antworten:

  1. Wir wollen nicht, dass andere so für Jesus leiden, wie wir es uns für uns selbst nicht vorstellen können.
  2. Wir können nicht glauben, dass Leid Teil von Gottes Plan ist.
  3. Wir sind nicht wirklich davon überzeugt davon, dass Jesus es wert ist, für ihn zu leiden.

Und weil diese Wahrheiten unsere Einstellung und unser Handeln bestimmen, tauschen wir die biblisch fundierte Theologie des Leidens ein gegen etwas, das uns weniger herausfordert. Das Ergebnis:

  1. Wir fordern, dass Christenverfolgung aufhört.
  2. Wir fordern, dass die Verfolger bestraft werden.
  3. Wir versuchen, westliche Formen der Demokratie, Menschen- und Zivilrechte in andere Länder zu importieren und glauben, dass das die Verbreitung von Gottes Reich fördert (obwohl es – sehr zu unserer Überraschung – keinen nachweislich historischen Zusammenhang gibt zwischen diesen westlichen Formen und dem Reich Gottes).
  4. Wir starten gefühlsbetonte Aufrufe, um viel Geld zu sammeln, damit wir noch mehr Gläubige aus der Verfolgung retten können.

Und die Folge dieser gut gemeinten Bemühungen? Ein Großteil der Gläubigen wird aus dem Umfeld herausgerissen, in das Gott sie hineingestellt hat. An einigen Orten wird das Entstehen neuer Gemeinde verhindert, an anderen Stellen stagniert das Wachstum des Leibes Christi. Christen, die erst neu zum Glauben gekommen sind, fangen an zu denken, dass das Leben in einem sicheren, christlichen Land notwendig ist, um Christ zu sein.

Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe

Bevor Jesus verraten wurde, sprach er ein Gebet, das aus zwei Teilen besteht (Matthäus 26,39). Erst bat er seinen Vater darum, den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen. Er betete dafür, verschont zu werden. Aber dann betete er noch etwas anderes. Er betete, dass der Wille des Vaters ihm wichtiger ist, als sein eigener Wunsch, dem Leiden aus dem Weg zu gehen.

Um dem Beispiel Jesu zu folgen, müssen wir beide Teile seines Gebets beten. Es ist nur natürlich, dafür zu beten, dass das Leid uns nicht treffen möge – uns und andere. Aber dann müssen wir auch unbedingt beten, dass Gottes Wille geschehe, was immer es uns kosten mag.

Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Kreuzigung, Leid, Gefängnis und Verfolgung machen den Weg frei für die Auferstehung und die Verbreitung des Evangeliums. Diese Dinge, so schrecklich so auch sind, machen die Rettung erst möglich.

Lasst uns Josef – und unser eigenes Leiden – Gott anvertrauen. Und lasst uns im Vertrauen auf Gott schauen, was ER daraus macht.

 

 

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