Mit Jesus in den Dschungel
Kolumbien

Mit Jesus in den Dschungel

Mitten in einer der sogenannten "Roten Zonen“ Kolumbiens, die für Drogenhandel und Gewalt bekannt sind, lebt eine Familie, um den Menschen das Evangelium zu bringen.

Im Jahr 2005 zogen David und Gloria Martinez tief in den Dschungel des Bundesstaates Chocó, um zu evangelisieren, Bibeln zu verteilen und Gemeinden zu gründen. Sie lebten von dem, was sie selbst anbauten, und erlernten die Sprache der indigenen Stämme, die dort leben. Die beiden wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft zu  rechtsgerichteten, paramilitärischen Gruppierungen und links-gerichteten bewaffneten Rebellen wie der Ejército de Liberación Nacional (ELN, deutsch: Nationale Befreiungsarmee) oder der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC, deutsch: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens). Innerhalb der nächsten zwei Jahre fingen sie an, neue Gemeinden ins Leben zu rufen und christliche Leiter auszubilden. Das Ergebnis: Immer mehr Menschen kamen zum Glauben. „Doch da fingen die Probleme an“, erinnert sich Gloria.

David und Gloria hatten sich während ihrer Ausbildung an einer Schule für Mission im Bundesstaat Meta kennengelernt. Nachdem David erfahren hatte, dass es indigene Stämme in Kolumbien gibt, die noch nie etwas von Jesus Christus gehört hatten, drängte es ihn dazu, ihnen das Evangelium zu bringen. Das Paar heiratete am 18. Juli 2004 und beschloss, an die Westküste zu ziehen – eine der ärmsten Regionen Kolumbiens und ein Zentrum für Drogenhandel und Gewalt. Da sie selbst nur wenig Geld hatten, baten sie andere Christen um finanzielle Unterstützung. Ihre Missionsschule stellte ihnen für den Anfang 180 Bibeln zur Verfügung. „Es war nicht leicht, aber Gott zeigte uns den Weg“, sagt David lächelnd.

Das Dickicht des Dschungels, die breiten Flüsse und wenig befahrbare Straßen machen Chocó zu einem schwer erreichbaren Gebiet, auch für Sicherheitskräfte. Das ist ein Grund dafür, warum hier viele Boote passieren, die Kokain nach Mittelamerika und Mexiko transportieren. Den wenigen Christen, die in Chocó leben, ist Verfolgung nicht fremd. Während des „Bojaya-Massakers“ im Jahr 2002 beispielsweise bombardierten Guerillas der FARC eine Kirche. Mehr als 70 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt, etwa 6.000 Betroffene flüchteten. Weil sie sich nicht in die Drogengeschäfte integrieren sondern Frieden predigen, sind Christen den Guerillas ein Dorn im Auge – insbesondere die Pastoren.

Begegnung mit dem Feind

Eines Tages kam ein Rebellenanführer, begleitet von etwa 60 Guerillasoldaten, zu David und Gloria nach Hause. „Sie wussten alles über mich“, sagt David. „Sie kannten die Namen all meiner Familienmitglieder und der meiner Frau. Sie wussten von der finanziellen Unterstützung, die wir vierteljährlich erhielten. Sie kannten sogar den genauen Betrag.“ Die Rebellen boten ihm das Dreifache als Gehalt und die Erlaubnis an, weiter als Pastor arbeiten zu dürfen, wenn er sich ihnen anschloss – so, wie es schon einige Pastoren vor ihm getan hätten. „Wenn sie mit euch zusammenarbeiten, sind sie keine Pastoren mehr“, hatte David geantwortet. „Ich werde nicht mit euch kollaborieren. Ihr tötet Menschen. Der Einzige, der die Macht haben sollte, über das Leben anderer zu bestimmen, ist Gott.“ Der Rebellenanführer war alles andere als begeistert von Davids Mut. „Du hast Glück, dass ich es bin, der zu dir gekommen ist – jeder andere FARC-Kämpfer hätte dir schon längst eine Kugel verpasst“, erwiderte er. „Wir reden morgen weiter.“

Am darauffolgenden Tag kam der Rebellenanführer um sechs Uhr morgens wieder mit 60 Guerillakämpfern zurück. Aber dieses Mal erzählte er David, dass seine Mutter Christin sei. Überrascht und erleichtert begann David, mit ihm über die Bibel zu sprechen. „Als wir über Gott redeten, fing ich an, ihn zu mögen“, berichtet David. „Wir wurden gute Freunde. Ich sagte ihm, er solle auf Gottes Stimme hören. Daraufhin entgegnete er: ‚Wenn ich im Krieg verwundet werden sollte, werde ich mich an Jesus wenden. ‘“

David drängte den Mann, sich Jesus Christus anzuvertrauen, bevor er im Kampf sterben könnte, aber der weigerte sich. Trotzdem war er damit einverstanden, dass David ihm 60 Bibeln für die anderen Guerillas gab. Zwei Wochen später starb der Mann bei einem paramilitärischen Angriff. David hofft, dass er davor noch die Bibel lesen und sich für den Glauben an Jesus Christus entscheiden konnte. „Er mochte die Bibel“, erinnert sich David. „Als er sie entgegennahm, machte er so eine Andeutung, dass sie ihn an seine Kindheit erinnerte. Er freute sich sehr. Er sagte immer wieder: ‚Danke, Herr Pastor!‘“

Die Rebellen kontrollierten jeden Aspekt von David und Glorias Leben. Um Nahrungsmittel oder andere notwendige Dinge kaufen zu können, mussten die beiden durch Gebiete, die entweder von der FARC oder von paramilitärischen Gruppierungen beherrscht wurden. „Jedes Mal, wenn wir an den paramilitärischen Einheiten vorbeikamen, bedrohten sie uns. Sie dachten, wir würden mit der FARC kollaborieren.“ Als das Ehepaar von Einheimischen erfuhr, dass die paramilitärischen Gruppen ihre Drohungen wahrmachen und sie umbringen wollten, beschloss es, in einen etwas sichereren Teil von Chocó zu ziehen. Innerhalb von fünf Jahren hatten sie vier einheimische Pastoren angelernt und an zwei Orten christliche Gemeinden gegründet. 70 Menschen waren zum Glauben an Jesus Christus gekommen. David und Gloria waren sich sicher, dass die vier Pastoren sich nach ihrem Weggang gut um sie kümmern würden.

Die Gebiete entlang der kolumbianischen Grenzen sind gefährliche „rote Zonen“, die von verschiedenen Guerillas und paramilitärische Gruppen beherrscht werden. Diese sind in lukrative Drogengeschäfte involviert.

Verfolgung von allen Seiten

Doch auch nach ihrem Umzug in ein anderes Gebiet von Chocó im Jahr 2010 erlebte die Familie weiterhin Verfolgung: Die Regierung, paramilitärische Gruppierungen, Rebellen und Syndikate organisierter Kriminalität wetteiferten um die Kontrolle des Territoriums. Es gab Verfolgung von allen Seiten. „Manchmal konnten wir einfach nur noch wegrennen“, berichtet Gloria. In den ersten Jahren kam allerdings am meisten Gegenwind von Einheimischen vor Ort, die einer Naturreligion anhingen. „Ungefähr vier Jahre lang vermietete man keine vernünftige Unterkunft an uns“, erklärt David. „Wir wohnten immer in Häusern, die schon fast auseinander fielen. Ich reparierte sie, und sobald sie in einem bewohnbaren Zustand waren, wurden wir rausgeschmissen.“ Eine Gruppe von einheimischen Dorfältesten verweigerte der Familie schließlich den Zutritt zu ihrem Gebiet. Das Dorf verklagte sie sogar und behauptete, Davids Familie schade ihrer kulturellen Identität durch die Einführung und Verbreitung des Christentums. "Wir konnten zusammen mit einigen Einheimischen, die inzwischen Christen sind, beweisen, dass wir nicht gekommen waren, um ihre kulturelle Identität zu zerstören", sagt David. Doch um des Friedens willen zogen David und seine Familie erneut um: dieses Mal in eine Gegend von afrokolumbianischen Einwohnern. Die Vorfahren der Afrokolumbianer waren einst als Sklaven nach Amerika gebracht worden. Noch heute lebt diese Ethnie genauso wie ihre afrikanischen Vorfahren inklusive afrikanischem Volksglauben. David und Gloria leiten dort eine Gemeinde, in die sowohl indigene Menschen als auch Afrokolumbianer gehen.

Im letzten Jahr besuchten David und seine Familie 25 von insgesamt 28 indigenen Stämmen in dem Gebiet, in dem sie leben. Oft werden sie bedroht, wenn sie deshalb durch die von paramilitärischen Organisationen und Guerillas besetzen Gebiete reisen. Im November 2016 wurde zwar zwischen der Regierung und der FARC ein Friedensvertrag unterzeichnet, Frieden gebracht hat er aber laut David und Gloria nicht – schon gar nicht in Chocó. In Wirklichkeit, so sagen sie, gruppieren sich die Guerillas gerade neu und rüsten wieder auf. „Unser Gebet ist, dass wir ihnen gegenüber unsichtbar bleiben. Die Eingeborenen, die sich bekehren, erleben weit mehr Verfolgung von ihren eigenen Leuten – und dann oft noch zusätzlich von den bewaffneten Gruppierungen“, erklärt David.

 

Ein Kampf um die junge Generation

In gewisser Weise ringen Davids Familie und die Guerillas um die Jugend in ihrer Region. Guerillas locken die jungen Menschen meist mit Geld und Waffen in ihre Reihen. Tausende kolumbianischer Kinder haben schon während des Konflikts in ihrem Land gekämpft, viele von ihnen sind in Guerilla-Camps groß geworden und von klein auf zu Kämpfern ausgebildet worden. Allein die FARC hat im Laufe ihrer Geschichte 3.700 Kindersoldaten rekrutiert. Vor zwei Jahren haben David und Gloria deshalb angefangen, Bibelkurse für Kinder anzubieten. Sie achten vor allem auf Kinder, die besonders gefährdet sind, das Ziel von Rekrutierungsversuchen durch Guerillas zu werden. Sie helfen den Eltern dieser Kinder, sie in der Schule anzumelden und bringen sie sogar, wenn möglich, persönlich zum Unterricht und wieder nach Hause. David schätzt, dass sie auf diese Weise etwa zehn Kinder davor bewahrt haben, sich den Guerillas anzuschließen. „Gott hat uns geholfen, diese Kinder zu retten“, erklärt er.

Was ihre eigenen Kinder angeht, so nehmen sie sie überall mit hin. „Es ist bisher erst einmal vorgekommen, dass Gott uns gezeigt hat, wir sollen sie auf eine Reise nicht mitnehmen“ erzählt David. Das Ehepaar gibt zu, dass es eine Herausforderung ist, die drei Kinder großzuziehen, während sie in einer „Roten Zone“ missionieren. Aber Gott hilft ihnen dabei. „Es ist ein großes Vorrecht, das Evangelium zu verkünden und gleichzeitig als Familie ein Zeugnis für andere sein zu können“, erklärt David.

David und seine Familie nehmen ihre Kinder bewusst mit auf ihre Reisen, damit sie geistlich wachsen können

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