Und sie hören doch zu
Nordkorea

Und sie hören doch zu

Die junge Frau macht es sich bequem auf ihrem Stuhl. Vor ihr steht ein Mikrofon. Hannah* überfliegt das Skript, holt noch einmal Luft und beginnt zu lesen. Einst war sie auf der anderen Seite des Mikrofons eine aufmerksame Zuhörerin gewesen – jetzt ist sie die bekannte Stimme eines verbotenen christlichen Radiosenders, der nach Nordkorea hinein ausstrahlt.

Als Kind verbrachte Hannah fast jede Nacht damit, gemeinsam mit ihrem Vater Radiosendungen zu hören. „Es war illegal, aber wir taten es trotzdem“, erzählt sie. Obwohl Radios verboten waren, schaffte es Hannahs Vater, eines zu erwerben. So konnten sie südkoreanische Sender empfangen. Bis heute blockiert die nordkoreanische Regierung Signale und konfisziert illegale Radios. Jeder, der ein solches Radio besitzt und aufffliegt, wird inhaftiert.

Hannahs Vater war sehr vorsichtig und schärfte der gesamten Familie ein, niemandem etwas von ihrem Geheimnis zu erzählen. Sie warteten bis nach Mitternacht, weil dann alle Nachbarn schliefen. Als sie dann das Radio einschalteten, hörten sie von einer ganz anderen Welt als der, die von den nordkoreanischen Führern und Hannahs Lehrern beschrieben wurde. Hannah hatte eine enge Beziehung zu ihrem Vater und oft sprachen sie über das, was sie im Radio hörten und lernten. Ihr Vater mochte am liebsten die christlichen Predigten. Er war der Meinung, dass sie ihm halfen, die Wahrheit über das Leben herauszufinden. Hannah dagegen war an der südkoreanischen Musik interessiert. „Sie war so ganz anders als unsere Musik in Nordkorea. Das machte mich neugierig“, erzählt sie.

 

"Es war illegal, aber wir taten es trotzdem."

Unter größter Gefahr sammeln sich Christen in Nordkorea

Die Flucht ins Ungewisse

Je mehr sie über eine ganz andere Welt lernten, desto mehr reifte der Entschluss in ihnen, als Familie Nordkorea zu verlassen. Doch das war riskant. „Ich sollte als Erste fliehen und dann, sobald sie genügend Geld für alle anderen gespart hatten, wollten sie nachkommen“, erinnert sich Hannah. Doch der Tag, an dem der Schlepper sie nach China brachte, war auch der letzte, an dem sie ihre Familie je wieder sah. Von China reiste Hannah nach Thailand und wurde dort in ein Gefangenenlager für Nordkoreaner gesteckt. Als ihr Fall geprüft und als erledigt betrachtet wurde, reiste sie nach Südkorea.

Sie war 19 Jahre alt, alleine und in einem fremden Land. Eines Tages sah sie ein Kirchengebäude. Sie beschloss, hineinzugehen und sich als Nordkoreanerin vorzustellen. „Sie hießen mich herzlich willkommen. Es war die schwerste Zeit meines Lebens – aber die Kirche war für mich da“, erzählt Hannah. Sie begann, regelmäßig die Versammlungen zu besuchen. Sie erinnerte sich an die Predigten, die ihr Vater so gemocht hatte und sie wuchs immer mehr in ihrem eigenen Glauben an Jesus.

Ihre Familie schaffte es nie, aus Nordkorea herauszukommen. Kurz nach Hannahs Flucht starb Kim Jong Il und die Grenzkontrollen wurden massiv verstärkt. Einmal im Jahr bezahlt Hannah einen Mittelsmann, der ein Telefongespräch mit ihrer Familie möglich macht. Doch die Gespräche sind nur kurz, damit sie nicht auffallen und abgehört werden können. So erfuhr sie auch, dass ihr geliebter Vater verstorben war. In letzter Zeit konnte sie ihre Familie überhaupt nicht mehr erreichen. „Die Situation meiner Familie ist sehr schwierig. Ich bete, dass ich bald etwas von meiner Mutter erfahre“, hofft Hannah.

Vom Zuhören zum Reden

Hannah schaffte es, sich ein Leben in Südkorea aufzubauen. Trotzdem sehnte sie sich danach, einen Dienst auszuüben, in dem sie ihre Gaben noch effektiver einsetzen konnte.  Als  dann eines Tages ein Gemeindeältester christliche Radioprogramme für Nordkorea erwähnte, wusste Hannah sofort, dass dies die richtige Aufgabe für sie war.

Hannah verbringt jetzt zwei Samstage im Monat damit, christliche Radioprogramme im Studio aufzunehmen. Ihre Moderation und Ankündigung von Liedern, Predigten und Bibellesungen im nordkoreanischen Dialekt sprechen Menschen im Land sehr an – viel mehr, als es ein Moderator mit südkoreanischem Dialekt könnte. Nach den vielen Jahren der Trennung haben sich die beiden Dialekte so sehr voneinander entfernt, dass es Nordkoreanern oft schwer fällt, Südkoreaner zu verstehen. Kürzlich erzählte ein nordkoreanischer Flüchtling Hannah, dass er ihre Programme einschaltet, weil er gerne den ihm bekannten Dialekt hören möchte. Er ist kein Christ – und trotzdem hat er den Sendeplan des Radiosenders auswendig gelernt!

Als Nordkoreanerin ist sich Hannah sehr bewusst, welch große Rolle die Radioprogramme im Leben ihrer Landsleute spielen. Sie ist sich sicher, dass ihre Mitarbeit kein Zufall ist: „Gott hat das alles eingefädelt und es war sein Plan für mich.“ Nachdem sie ihre Sendung fertig moderiert hat, packt sie ihre Sachen und geht nach Hause. Obwohl sie keine sofortigen Auswirkungen ihrer Arbeit sehen kann, weiß sie tief in ihrem Herzen, dass überall in Nordkorea Menschen zuhören. 

*Name von der Redaktion geändert.

Anteilnehmen und Lernen

„Stimme der Märtyrer“ – Das Magazin der Hilfsaktion Märtyrerkirche

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