Nordkorea

Pjönjang galt einst als das "Jerusalem des Ostens"

Der jüngste Raketentest Nordkoreas hat die kommunistische Diktatur erneut ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt. Was kaum einer weiß: Anfang des vergangenen Jahrhunderts erlebte die Region eine geistliche Erweckung. Diktator Kim Il-sung (1912–1994) stammte aus einem christlichen Elternhaus und besuchte eine christliche Schule. Heute zählt das Regime zu den brutalsten Christenverfolgern. Wie konnte es zu dieser Verschiebung kommen? Ein Hintergrundbericht von idea-Redakteur Matthias Pankau.

Vielen Zeitgenossen gilt Nordkorea als der Inbegriff des Bösen. Nicht umsonst. Kaum ein Tag vergeht, an dem Diktator Kim Jong-un nicht wüste Drohungen ausspricht oder der Welt mit einem Atomkrieg droht. Ende November hatte das kommunistische Regime erneut eine Interkontinentalrakete getestet und anschließend erklärt, jetzt liege auch das US-Festland in Reichweite nordkoreanischer Raketen. Im Land selbst lässt der Despot missliebige Gegner hinrichten oder steckt sie in Arbeitslager. Auch Zehntausende Christen sind dort um ihres Glaubens willen eingesperrt.

Billy Grahams Frau ging in Pjöngjang zur Schule

Aber Nordkorea war nicht immer der Unterdrückerstaat, der er heute ist. Im Gegenteil: Zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die Region einen geistlichen Aufbruch. Aufgrund reger Missionsarbeit presbyterianischer Christen entwickelte sich die heutige Hauptstadt Pjöngjang zu einem Zentrum des Christentums. Sie bekam sogar den Beinamen „Jerusalem des Ostens“. Zahlreiche Kirchen und christliche Institutionen waren in Pjöngjang beheimatet. Die 2007 verstorbene Ehefrau des US-Evangelisten Billy Graham – Ruth Graham – verbrachte drei Jahre ihrer Kindheit in Pjöngjang. Ihre Eltern waren dort als Missionsärzte tätig. Später bezeichnete sie diese Zeit als eine der schönsten in ihrem Leben.

Missionare bauten Kindergärten und Krankenhäuser

Während viele Christen von einer geistlichen Erweckung Anfang des 20. Jahrhunderts in der Region sprechen, gibt es auch rationale Gründe dafür, dass das Christentum auf fruchtbaren Boden fiel. Von 1910 bis 1945 war die Koreanische Halbinsel eine japanische Kolonie. Die Christen unterstützten aber die Unabhängigkeitsbestrebungen ihrer Mitbürger. „Die Koreaner haben das Christentum selbst für sich entdeckt“, sagt der aus Südkorea stammende und in Deutschland lebende Theologe Kwon Ho Rhee, Bildungsreferent mit Schwerpunkt Asien bei der „Evangelischen Mission in Solidarität“ (Stuttgart). „Der christliche Glaube war für sie gleichbedeutend mit der Moderne.“ Die Missionare hätten die Region enorm vorangebracht, indem sie eine Infrastruktur aus Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern errichteten.

Kim Il-sung stammte aus einem christlichen Elternhaus

Mit dem Sieg über Japan 1945 und der folgenden Teilung Koreas in einen Nord- und einen Südteil begann im Norden jedoch der Niedergang der christlichen Kultur. Dabei hätte sich alles auch ganz anders entwickeln können. Denn der Diktator Kim Il-sung (1912–1994) – der Großvater Kim Jong-uns, der selbst übrigens einige Jahre in der traditionell christlichen Schweiz die Schule besuchte – stammte aus einem christlichen Elternhaus. Sein Großvater soll protestantischer Geistlicher gewesen sein und seine Mutter soll ihn regelmäßig mit in den Gottesdienst genommen haben. Aber während seiner Ausbildung in Moskau brach Kim Il-sung mit seiner Erziehung. Bereits kurz nach der Gründung des kommunistischen Nordkoreas 1948 ließ er Pfarrer und Gemeindemitglieder hinrichten oder in Arbeitslager einweisen. Der Koreakrieg zwischen 1950 und 1953 verschärfte die Situation der Christen erneut, so dass Zehntausende nach Südkorea flohen. Denn aus Sicht der Nordkoreaner waren US-Amerikaner gleichbedeutend mit Christen. Und sie hatten das Land in Schutt und Asche gelegt.

Heute gleichen Gottesdienste Theatervorstellungen

Heute gibt es in der Hauptstadt Pjöngjang genau vier Kirchen – eine katholische, eine russisch-orthodoxe und zwei protestantische. Viele ausländische Beobachter sehen in den Gebäuden jedoch nur eine Propagandafunktion – nach dem Motto „Schaut: Bei uns gibt es Religionsfreiheit!“. Auch die Gottesdienste, die darin an Sonntagen gefeiert würden, seien in Wirklichkeit gar keine. „Das sind Theatervorstellungen für ein ausgewähltes Publikum“, sagt der Missionsleiter des Hilfswerks „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ (HMK), Manfred Müller (Uhldingen am Bodensee). „Das ist Propaganda.“ Tatsächlich gibt es Berichte, wonach es sich bei vielen „Gottesdienstbesuchern“ um vom Staat bezahlte Spitzel handelt. Nicht ganz so skeptisch beurteilt Lutz Drescher von der „Deutschen Ostasienmission“ (Heidelberg) die Situation. Drescher war bereits viermal in Nordkorea. Jedesmal habe er an Gottesdiensten in einer der beiden protestantischen Kirchen teilgenommen: „Dabei wurden Texte aus der Bibel vorgelesen, es wurde – wie das auch in Südkorea der Fall ist – inbrünstig gebetet und fromme Lieder gesungen.“ Die Predigten hätten allerdings einen „patriotischen Unterton“ gehabt. Gemeindeglieder hätten ihm anschließend berichtet, dass sie in frommen Elternhäusern aufgewachsen seien. Drescher: „Ich meine also durchaus, einen authentischen Gottesdienst erlebt zu haben. Ich bin mir aber sehr bewusst, dass nur Gott das Herz des Menschen kennt.“

Niemand weiß genau, wie viele Christen es gibt

Wie viele Christen heute in Nordkorea leben, darüber gibt es kein belastbares Material. Schätzungen gehen weit auseinander. Offiziellen Angaben zufolge rund 15.000, davon 10.000 Protestanten. Manfred Müller von der Hilfsaktion Märtyrerkirche spricht von rund 100.000 Christen, von denen sich etwa 30.000 in Arbeitslagern befinden. „Die höheren Schätzungen könnten damit zusammenhängen, dass Schauspieler, die als Christen in den staatlichen Kirchen fungieren bzw. die unzähligen Regierungsspitzel, die sich als Christen ausgeben, zu der Zahl der Christen hinzugerechnet werden“, sagt er.

30.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben in Südkorea

Fest steht: Mehr als 30.000 Nordkoreaner sind in den vergangenen 20 Jahren nach Südkorea geflohen. Hinzu kommen all jene Familien, die unmittelbar nach dem Koreakrieg ihre Heimat verließen. Viele von ihnen unterstützen die Menschen im Norden. Auch aus Deutschland kommt Hilfe für die Menschen, die in Nordkorea teils in bitterster Armut leben. Nach Worten von Pastor Rhee sammeln die zehn koreanischen evangelischen Gemeinden, die es in Deutschland gibt, regelmäßig Spenden, um Container mit Milchpulver für Säuglinge nach Nordkorea zu schicken. Die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas haben die meisten von ihnen laut Rhee nicht aufgegeben: „Hier in Deutschland hat Gott ja gezeigt, dass er auch heute noch Wunder tun kann.“

Quelle: idea

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